1 Die öffentliche Ohnmacht
1Es geht nicht um Laune, nicht um Verschwörung und nicht um moralische Empörung. 2Es geht um gesellschaftliche Dissonanz.
3Alle könnten sie sehen. 4Kaum jemand will sie sehen.
5Macht über Geld ist Macht über alles.
6Nicht, weil Geld einen eigenen Wert hätte. 7Nicht, weil Geld Sinn, Wahrheit oder Würde erzeugen könnte. 8Sondern weil in dieser Ordnung fast jeder Zugang zur Welt über Geld vermittelt wird.
9Wer über Geld verfügt, verfügt über Möglichkeiten. 10Wer über sehr viel Geld verfügt, verfügt über Bedingungen. 11Wer über die Bedingungen verfügt, unter denen andere leben, arbeiten, denken, wählen, glauben und handeln müssen, verfügt nicht nur über Geld.
12Er verfügt über Weltzugriff.
13Das ist keine bloße Systemkritik. 14Es ist die Beschreibung öffentlicher Ohnmacht.
15Die Gesellschaft erkennt ihre eigene Abhängigkeit nicht, weil genau jene Strukturen, die diese Abhängigkeit erzeugen, auch bestimmen, wie über sie gesprochen wird.
16Die Frage lautet nicht: Warum sind einzelne Menschen böse?
17Die Frage lautet: Wie ist ein System gebaut, in dem Geld sich selbst vermehrt, während die Kosten auf andere verteilt werden?
18Die Antwort liegt nicht in einem einzelnen Vorgang. 19Sie liegt in einer geschlossenen Kette. 20Reichtum wirkt auf Politik, Medien, Gesetze und öffentliche Meinung. 21Diese wiederum stabilisieren jene Wirtschafts- und Finanzordnung, aus der Ungleichheit entsteht. 22Ungleichheit erzeugt Armut, Hunger, Ausbeutung, Krieg, Terror und Flucht. 23Diese Missstände werden medial verwertet, politisch verarbeitet und schließlich wieder in Entscheidungen übersetzt, die das System erhalten.
24So wird Geld in mehr Geld verwandelt.
25Nicht durch Magie. 26Nicht weil Geld arbeitet. 27Menschen arbeiten. 28Menschen leiden. 29Menschen tragen Risiken. 30Menschen verlieren Lebenszeit. 31Geld vermehrt sich dort, wo andere dafür zahlen.