ANUTET
Teil

2 Ordo

Teil 2 · Kapitel 52 · 62 Sätze

52 Religion

1Religionen beginnen oft mit einer richtigen Ahnung.

2Dass die Welt nicht nur das ist, was unmittelbar vor uns liegt. 3Dass der Mensch sich irren kann. 4Dass das Ich nicht der Mittelpunkt der Wirklichkeit ist. 5Dass Leid, Angst, Gier und Gewalt aus Verwechslung entstehen. 6Dass Erkenntnis Befreiung sein kann.

7Darin liegt ein wahrer Kern.

8Das Problem beginnt dort, wo dieser Kern verwaltet wird. 9Wo aus Erkenntnis Lehre wird. 10Aus Lehre Gehorsam. 11Aus Erfahrung Autorität. 12Aus Symbolen Besitz. 13Aus Orientierung Herrschaft.

14Dann steht nicht mehr die Erkenntnis im Mittelpunkt, sondern der Zugang zu ihr. 15Wer darf sprechen? 16Wer darf deuten? 17Wer gilt als rein, erwählt, eingeweiht oder berufen? 18Wer vermittelt zwischen Mensch und Wahrheit?

19So entsteht Macht.

20Nicht weil der ursprüngliche Gedanke falsch sein muss, 21sondern weil er überlagert wird. 22Durch Namen. 23Durch Rollen. 24Durch Rituale. 25Durch Institutionen. 26Durch Menschen, die behaupten, näher am Richtigen zu stehen als andere.

27Ein Gott muss nicht falsch sein, damit seine Verwaltung falsch ist. 28Ein Buddha muss nicht falsch sein, damit seine Verehrung blind macht. 29Ein Lehrer muss nicht falsch sein, damit Abhängigkeit entsteht. 30Eine Schrift muss nicht falsch sein, damit Gehorsam gefährlich wird.

31Das Richtige braucht keinen Besitzer.

32Erkenntnis ist an keine äußere Bedingung geknüpft. 33Kein Mensch muss durch einen anderen Menschen erlaubt bekommen, wahrzunehmen, was wahr ist. 34Kein Amt macht Wahrheit wahrer. 35Kein Titel macht Einsicht tiefer. 36Kein Ritual ersetzt Verstehen.

37Worte können helfen. 38Bilder können helfen. 39Lehrer können helfen. 40Traditionen können helfen.

41Aber sie dürfen nicht zwischen den Menschen und das Richtige treten.

42Das Wort ist nicht das Erkannte. 43Das Symbol ist nicht die Wahrheit. 44Der Weg ist nicht das Ziel. 45Der Vermittler ist nicht die Quelle.

46ANUTET braucht keinen Glauben. 47Es verlangt keine Unterwerfung. 48Es kennt keine Einweihung und keine Priester. 49Es besitzt nicht, was erkannt werden kann.

50Es zeigt nur auf eine einfache Grenze:

51Wo Erkenntnis verwaltet wird, entsteht Macht. 52Wo Macht entsteht, wird Wahrheit gefährdet. 53Wo Wahrheit gefährdet wird, beginnt die Illusion.

54Das Richtige ist nicht verborgen, weil es jemandem gehört. 55Es ist verborgen, weil Menschen gelernt haben, an den Formen festzuhalten, die darübergelegt wurden.

56Religion kann an Wahrheit erinnern. 57Aber sie kann Wahrheit auch verdecken.

58Darum geht es nicht darum, Religion zu bekämpfen. 59Es geht darum, ihr den Besitzanspruch zu nehmen.

60Was wahr ist, braucht keine Herrschaft. 61Was erkannt werden kann, braucht keine Erlaubnis. 62Was trägt, trägt auch ohne Namen.

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