2 Dekonstruktion
1Die unbequemsten Fragen sind die, auf die es keine Antwort gibt oder zu geben scheint.
2Wissen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen, weil man sich nicht mit einer oberflächlichen oder offenkundig falschen Antwort zufriedengeben will, ist die Grundlage jeder kritischen Haltung. 3Kritisch zu sein ist unbequem für den Fragenden und seine Umgebung, weil er sich und seiner Umwelt klarmacht, dass etwas grundsätzlich falsch läuft, missbraucht oder als blinder Fleck geduldet wird.
4Die naiv wirkenden Fragen von Kindern zeugen von der Fähigkeit, sich Wundern und Wunderbarem zu stellen. 5"Woher kommen die Blumen?" 6Egal, was man antwortet, das Kind wird immer weiter fragen können und wir wissen, wohin das führt. 7Zu einem Gott, zum Urknall oder einem "Das ist eben so."
8Selbst der Hinweis, das Universum expandiere, kollabiere wieder und alles ginge von vorn los, lässt, auch wenn es so wäre, die Frage offen, wer den Kreislauf wohl gestartet habe. 9Egal, wie wir es erklären, ist schon das Schema der Erklärung das Problem selbst. 10Wir denken immer kausal. 11Jede Folge braucht eine Ursache, die selbst die Folge einer anderen Ursache sein muss. 12Das Suchen der ersten Ursache, der "unendliche Regress", ist zum Scheitern verurteilt, solange eine Ursache erschaffen werden muss.
13Was ist das, das nicht erschaffen werden muss? 14Zahlen, Formen, Prozesse, Definitionen, Klassen, Möglichkeiten. 15Alles, was abstrakt ist, muss nicht erschaffen werden. 16Es existiert in theoretischer Form, nicht tatsächlich.
17Kann die Idee, die Definition von "ringartig", existieren, ohne dass es Ringe gibt? 18Braucht es Menschen, die das definieren, damit es Ringe gibt? 19Der Saturn hatte sie ohne Menschen. 20Was, wenn es keinen Saturn gäbe, sondern nur die Möglichkeit, dass es ihn gäbe?
21Möglichkeiten existieren, ohne dass irgendetwas in unserem Sinne verwirklicht oder real ist. 22Wenn noch keine Realität existiert, ist alles möglich.