edenLOG

protokolle einer zeitlinie

Im Anfang erfährt der Moment Unendlichkeit.

Tarique hörte sich sprechen.
Vor ihm lag das Skript.
Satz für Satz war es sorgfältig formuliert, abgewogen, diplomatisch.
Es sagte, was gesagt werden konnte, und ließ aus, was jeder im Saal ohnehin wusste.
Das Skript sprach und er war sein Sprachrohr.

Er wusste, warum es so geschrieben war.
Er hatte selbst daran mitgearbeitet.
Man musste Investoren gewinnen und durfte sie nicht verprellen.
Man musste über Armut sprechen, ohne darüber zu sprechen, wer an ihr verdiente.
Man musste bessere Lebensbedingungen fordern, ohne Forderungen zu stellen, die jene vertreiben konnten, von denen das Land abhängig geworden war.
Also las er und sprach.
Ruhig. Klar. Professionell. Mechanisch routiniert.

Während seine Stimme dem Text folgte, lief darunter ein anderer Gedanke mit.
Die Menschen in seinem Land arbeiteten. Sie nähten, bauten, produzierten.
Sie schufen Werte für eine Welt, in der ihre eigene Arbeitsstunde kaum etwas wert war.
Natürlich könnte man die Löhne erhöhen.
Ein wenig. Vorsichtig.
Immer mit dem Blick darauf, wann der Punkt erreicht war, an dem jemand irgendwo eine billigere Hand fand.

Der Gedanke störte ihn.
Nicht laut. Nicht einmal besonders deutlich. Er war einfach da.
Ein Gedanke zwischen den Worten, ein Satz hinter all den anderen Sätzen.
Mit jedem Absatz, den er las, nahm der Gedanke etwas mehr Raum ein und seine eigene Stimme drang immer mehr wie durch Watte an seine Ohren.
Weit weg, immer weiter weg. Dann endete das Skript unvermittelt und mit dem Skript sein Sprechen.

Stille lag über den Menschen in dem riesigen Saal.
Tariques Blick hob sich langsam und fiel auf die Vertreter aller Völker, von denen die meisten das Schicksal seines eigenen Volkes teilten:
Nicht privilegiert zu sein.

Die Sekunde nach seinen letzten Worten verharrte, dehnte sich ins Unendliche, bis sie zu stehen schien.
Zeitlose Leere in den Blicken, die auf ihm hafteten, die darauf warteten, was noch kommen würde.
Kein Denken und kein Atmen in der überraschenden, leisen Ewigkeit des Moments.
Entrückt, losgelöst von sich selbst, surreal.

Etwas in seinem Kopf.
Irgendetwas kippte ohne sein Zutun.
Er fühlte, wie sich sein Mund bewegte und Tarique die Worte sprach und zu Ende brachte, bevor er Zeit gehabt hätte, sich Einhalt zu gebieten.


Der Satz stand im Raum und Tarique verließ das Rednerpult.

Etwas hatte sich spürbar im Saal verschoben.
Tarique wusste nur noch nicht genau, was.